In vielen Kulturkreisen gilt der Spiegel als Symbol der (Selbst-) Erkenntnis und des Bewusstseins sowie der Schöpfung, da diese universale bzw. göttliche Gesetzmäßigkeiten reflektiert. Weil ein Spiegel „nicht lügt“ und jede Medaille bekanntlich zwei Seiten hat, ist er aber nicht nur ein Synonym für das reine menschliche Herz sowie die damit im Zusammenhang stehende Wahrheit und Klarheit, sondern auch der Selbstgefälligkeit sowie der damit oft verbundenen Rücksichtslosigkeit und Verschlagenheit.

Wegen seiner unterschiedlichen Eigenschaften – aktive Reflexion bzw. passive Abbildung – kann der Spiegel sowohl ein Sonnen-Symbol (Ausdruck des Prinzips „Yang“) als auch ein Mond-Symbol (Ausdruck des Prinzips „Yin“) sein. Folglich verkörpert der Spiegel im erweiterten Sinne das über dem ausgleichenden Gegensatzpaar von „Yang“ und „Yin“ stehende „höchste Prinzip“, das sich jeder rationalen Beschreibung entzieht.

Weitere Beziehungen zwischen dem Spiegel und den Menschen bzw. ihren Eigenschaften werden in vielen Märchen, Sprichwörtern und Redensarten tiefsinnig und belehrend beschrieben. So wird beispielsweise festgestellt, dass „die Augen des Menschen ein Spiegel seiner Seele sind“.

Beim ernsthaften Studium des Aikido streben wir „ein reines Herz“ an und bemühen uns um Wahrheit und Klarheit in Gedanken, Worten und Taten. Da Aikido bekanntlich nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen gelernt und gelehrt werden kann, rufen wir durch die eigenen Aktivitäten bei unseren Partnern positive und negative Reaktionen hervor, die in unterschiedlicher Weise und Intensität „reflektiert“ werden.

Im Interesse unserer eigenen Entwicklung sollten wir gern und freimütig in den Spiegel schauen und bemüht sein, die Botschaften zu entschlüsseln, die uns – oft wortlos oder wohlwollend verschleiert – von unseren Mitmenschen übermittelt werden.

Aikido ist in besonderer Weise geeignet, den ernsthaften und ausdauernden Wegschüler von den Zwängen des „Ego“ zu befreien. Dadurch wird ihm die Möglichkeit zur vollen Nutzung seiner Möglichkeiten sowie zur selbstbestimmten, furchtlosen und erfolgreichen Gestaltung seines Lebens gegeben.

Der wahre Meister des Aikido wird es insbesondere vermeiden, eigene Probleme auf andere Menschen zu transformieren oder deren Verdienste zu schmälern, indem er sie wissentlich in Abrede stellt oder schamlos für seine Zwecke missbraucht.

Wenn es stimmt, dass Aikido im Sinne meiner Ausführungen ein Spiegel ist, vollzieht sich die Entwicklung der Wegschüler in den folgenden drei Stufen:

1. Bereitschaft zum Einblick!
2. Mut zur Selbsterkenntnis!
3. Freiheit und Kraft zum Wandel!

Der Erfolg ist jedoch keine Funktion des Aikido-Grades, sondern der Intensität, Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit der Bemühungen bei der Suche nach Wahrheit und Klarheit.

Wir sollten alle hoffen und wünschen, dass die Lehrer und Weggefährten unser eigenes Verhalten immer klar und deutlich reflektieren, damit die Selbsterkenntnis und der darauf basierende Wandel in Übereinstimmung mit den Prinzipien des harmonischen Weges möglich sind – Stufe um Stufe.
© Rolf Brand, 8. Dan Aikido
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, ausdrücklich vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verfassers gestattet.

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